Centre - Gare

Die wuchtigen Türme der Ponts-Couverts und der Petite France bilden die mittelalterliche Silhouette im Norden der Grande Ile. Die wichtigste Stadterweiterung war die Neustadt, um die äußere Boulevards angelegt wurden.

In dem Stadtteil Gare - Kléber sind alle Urbanisierungsprojekte von der Zeit der Römer bis ins 21. Jahrhundert enthalten.

Römisches und mittelalterliches Erbe

Das Römerlager Argentoratum befand sich im östlichen Teil der Grande-Île. Rund um die Zufahrtsstraßen, die auf die Tore der Stadtmauer führten, entwickelte sich ein Ballungszentrum. Die Hauptstraße führte von der Rue des Juifs und der Rue des Hallebardes (die frühere Decumanus des Militärlagers) in den Westen in die Grand’Rue (Langstross) und die Rue du Faubourg-National in Richtung Königshoffen.

Aus dem Mittelalter hat Straßburg ein Netz an engen Gassen und reich geschmückten Fachwerkhäusern sowie die ländliche Aufteilung des Faubourg National bewahrt. Die aufeinanderfolgenden Erweiterungen sind an ihrer jeweiligen Stadtmauer erkennbar, wobei die jüngste Mauer bis 1971 die Stadtgrenze bildete. Die Stadtmauer aus dem 18. Jahrhundert ist noch in Finkwiller auf der Höhe des einstigen Nationalgestüts erhalten. Sie war von 27 Türmen gesäumt, darunter mehreren viereckigen und acht Tortürmen. Die drei Türme der Ponts Couverts (Überdachte Brücken) und der Torturm an derPlace de l’Hôpital prägen bis heute das Stadtbild.

Das goldene Zeitalter: Freie Reichstadt des Heiligen Römischen Reiches

Als Straßburg 1262 Freie Reichsstadt des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation wurde, verlagerte sich das Machtzentrum der kleinen Republik in die 1322 gebaute Pfalz an der heutigen Place Gutenberg. Hier entstanden mehrere städtische und kaufmännische Gebäude: 1462 die Kanzlei, 1507 das Palais de la Monnaie und 1585 der Neubau (heutige Handelskammer).

Die Kirchen St-Thomas, St-Pierre-le-Vieux, St-Nicolas, der Kirchturm von Ste-Aurélie, das Alte Zollhaus (Ancienne Douane), das alte, 1747 gebaute Gefängnis, in dem sich heute die Verwaltungshochschule ENA befindet, und die Pharmacie de l’Hôpital zeugen von diesem goldenen Zeitalter. 

Die Ansätze zur Modernisierung der Stadt

Die Besatzung Straßburgs 1681 durch Ludwig XIV. führte zu einer Befestigung dieser Stadt an der Grenze des Königsreichs. Vauban, Festungsbaumeister des Sonnenkönigs, ergänzte die Befestigung durch eine Sperrmauer im Fluss. Mit den Falltüren im Vauban-Wehr konnten Teile des Verteidigungsrings um die Stadt bei einem Angriff geflutet werden.

Da die Stadt immer enger und unhygienischer wurde, beauftragte der König den Architekten Jacques-François Blondel mit einem Plan für die Begradigung der Nord-Süd-Verkehrsachse. 1768 wurde der Plan genehmigt, der aus der Place Gutenberg einen königlichen Platz machen sollte. Einige Gebäude wie das Palais de la Monnaie, die Pfalz und die Kanzlei wurden abgerissen (1738, 1782 und 1800) und nicht wieder aufgebaut. Aus dem Barfüßerplatz (heute Place Kléber) wurde der Waffenplatz, an dem die Aubette errichtet wurde, das einzige Bauwerk Jacques-François Blondels in Straßburg.

Die Plünderung des Neubaus während der Französischen Revolution führte dazu, dass das Rathaus zunächst in das Palais Rohan verlagert wurde und dann, 1806, in einen der Adelspaläste zwischen der Rue Brûlée und der Place Broglie. Der Neubau wurde von der Industrie- und Handelskammer gekauft, die dort seitdem ihren Sitz hat.

Die Modernisierung und Sanierung der Stadt ab 1830 wurde mit dem Bau von Kanalisierungen fortgesetzt. Der Gerbergraben wurde aufgeschüttet und die Kleine Metzig hinter der Aubette zwischen 1838 und 1840 wiederaufgebaut.

Die Eröffnung des Rhein-Rhône-Kanals 1933 und der Abriss der Fausse-Braie (Vorwall) des Canal du Faux-Rempart von 1831 bis1838 führten zur Modernisierung des Hafens und zur Entstehung eines neuen Wirtschaftsraums im Norden der Stadt. Brücken wurden renoviert oder wiederaufgebaut, Boulevards entlang dem Canal du Faux-Rempart angelegt. Der Bau des Bahnhofes im Marais-Vert (heute Centre Halles) beendete die Verlagerung der wirtschaftlichen Aktivität in den Norden des einstigen Zentrums.

Die großen Boulevards rings um die Stadt

1871 wurde Straßburg Hauptstadt des Reichslandes Elsass-Lothringen und benötigte als solche repräsentative öffentliche Gebäude. Die erste Stadterweiterung wurde 1875 beschlossen. Sie verlagerte die Stadtmauer und schloss die zentralen Stadtviertel mit ein, darunter das Viertel Gare - Kléber.

Der 1880 angenommene Erweiterungsplan von Jean-Goeffroy Conrath sah einen äußeren Boulevard vor, der unter Umgehung der Grande Île eine Durchquerung der Stadt von der Place de Haguenau zur Pont Pasteur und dann an den Quais entlang ermöglichte. Im Süden des Stadtviertels wurde 1882 der Verbindungskanal zwischen dem Rhein-Rhône-Kanal und dem Rhein-Marne-Kanal gebaut. Der Straßburger Hafen wurde mit dem Bau des Beckens der Porte de l’Hôpital  auf die Südseite des städtischen Krankenhauses verlagert. Mit dem Bau weiterer Becken im Osten wurde der Hafen von  Straßburg zu einem modernen Aktivitätszentrum. Zu der Stadterweiterung gehörte auch der Ausbau der Eisenbahninfrastrukturen. Am Hafen der Porte de l’Hôpital wurde eine Gleisstrecke gebaut, die jedoch beim Bau der Straße zwischen Autobahn und der Route du Rhin 1990 abgerissen wurde. Der Bahnhof des Berliner Architekten Johann-Eduard Jacobsthal wurde 1883 eingeweiht und ersetzte den zu eng gewordenen Sackbahnhof Marais-Vert. Der neue Bahnhof entstand in der Verlängerung der Rue du Maire Kuss, wodurch nicht nur die Altstadt schnell zu erreichen war, sondern auch die zwischen der Place de Haguenau und der Pasteur-Brücke gelegenen Boulevards. Die neuen Infrastrukturen haben den Stadtteil maßgeblich geprägt.

Die Sozialpolitik der Stadt

Die preußische Prachtentfaltung führte zur Erweiterung des städtischen Krankenhauses (Hôpital Civil), das nicht mehr den Ansprüchen der Medizin des ausgehenden 19. Jahrhunderts genügte. Der erste Erweiterungsplan wurde 1872 verabschiedet und umfasste ein drei Hektar großes Gelände, das sich auf dem früheren Glacis im Süden befand. Die verschiedenen Gebäude wurden zwischen 1873 und 1901 von mehreren Architekten realisiert. Die zweite Erweiterungsphase auf einer Fläche von 18 Hektar begann 1905 und wurde nach dem Ersten Weltkrieg beendet. Sie stand ganz im Zeichen der Sozialreformen der Bürgermeister Otto Back und Rudolf Schwander. Mit der Fertigstellung des Krankenhausgebäudes wurden die Brüder Bonatz beauftragt, die dem Gesamtplan von Friedrich Ruppel folgten.

Die Wohnungsnot führte zu einer Stadtplanung, bei der die Lebensqualität aller Straßburger in den Vordergrund gerückt wurde. In der ganzen Stadt entstanden Arbeiterviertel und die ersten Projekte des sozialen Wohnungsbaus wurden in die Stadterweiterung integriert. Der Mutzig-Hof wurde vom Amt für soziale Angelegenheiten der Stadt nach den Plänen des Architekten Émile Salomon gebaut und ermöglichte ab 1892 die Unterbringung von Arbeitern in einem einheitlichen Wohnkomplex. Ein ähnliches Beispiel des sozialen Wohnungsbaus sind die Cité Spach und der Katholische Bahnhof am Boulevard de Lyon, in dem der Architekt Albert Nadler zwischen 1907 und 1908 ungefähr 250 Wohnungen um einen zentralen Hof errichten ließ.

Das Projekt des Großen Straßendurchbruchs, der Grande Percée, ermöglichte die Sanierung des alten Stadtkerns. 135 baufällige Häuser wurden abgerissen um eine Verkehrsachse vom Bahnhof zum Hafen zu ermöglichen. Viele Familien wurden aus der Altstadt ausgewiesen und in die Gartenstadt Stockfeld umgesiedelt, die zu diesem Zweck gegründet worden war. Zwischen 1907 und dem Ersten Weltkrieg wurden nur 400 Meter der großen Verkehrsachse realisiert, sieverbanden die Place Kléber mit der Kirche St-Pierre-le-Vieux (Rue du 22 Novembre). Das Projekt des Straßendurchbruchs wurde ohne nennenswerte Änderungen 1930 fortgesetzt und zahlreiche Siedlungen für sozialen Wohnungsbau entstanden zwischen der Place Kléber und der Place de la Bourse.

Die Umstrukturierung des Viertels

Nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges wurde das alte Stadtzentrum „gelüftet“ und öffentliche Plätze geschaffen. Der Straßendurchbruch wurde durch die Neugestaltung der Place de l’Homme de Fer und die Fortführung der Achse nach Norden auf der Höhe der Rue du Noyer fertiggestellt. Ganze Wohnviertel wurden abgerissen und neue Plätze wie die Place des Tripiers entstanden. Ab 1960 unterlag die Petite France einer umfassenden Sanierung und zahlreiche Häuser wurden wiederaufgebaut. 1976 wurde das Viertel mit seinen engen Gassen und verschachtelten Innenhöfen Fußgängerzone. Es war der Beginn der Rückeroberung des öffentlichen Raums, die mit der Einschränkung des Autoverkehrs in der Innenstadt und der Rückkehr der Straßenbahn 1994 zwischen dem Bahnhof und der Place de l’Etoile weitergeführt wurde. Das Tramnetz wurde bis in den Faubourg National, den Faubourg de Saverne und die Rue de Molsheim erweitert.

Der Bahnhofsbereich wurde mit der Ankunft des Hochgeschwindigkeitszugs TGV im Elsass 2007 umstrukturiert. Das Stadtentwicklungskonzept für den Bereich hinter dem Bahnhof umfasst die Glacis sowie die Gegend um die Autobahn und soll bis 2025 umgesetzt werden.